„Ich weiß nicht, wie wir als Familie noch funktionieren sollen.“

Es ist ein Skandal: In Hamburg werden mangels Schulbegleitung selbst an den spezialisierten Sonderschulen, dem allerletzten Auffangnetz für Kinder mit Behinderung, Kinder nicht mehr beschult und müssen zu Hause bleiben. Die Eltern trifft es unvorbereitet: Für das aktuelle Schuljahr wurden deutlich weniger Schulbegleitungen bewilligt. 

Schulbegleiter*innen oder „Integrationsfachkräfte“ helfen Kindern, die eine besondere Betreuung brauchen, am Schulalltag teilzunehmen. Wie dramatisch die Situation in der Hansestadt an der Elbe ist, brachte die Mutter Susanna Vamala in der Wochenzeitung DIE ZEIT auf den Punkt: „Ich weiß nicht, wie wir als Familie noch funktionieren sollen.“

In dem Gespräch schildert Vamala die Notlage:

„Inklusion wird zunehmend infrage gestellt und pflegende Familien blicken mit großen Sorgen in die Zukunft. Der Bund diskutiert gerade über eine Pflegereform, durch die pflegende Angehörige wie ich weniger Unterstützung bekämen und schlechter fürs Alter abgesichert wären. Was der Staat an Hilfen streicht, müssen die Familien selbst auffangen. Sie können weniger arbeiten und riskieren damit, in Armut zu geraten. Ich bin noch privilegiert: Mein Mann kann Lohnarbeiten, meine Familie unterstützt uns. Aber was machen Alleinerziehende oder Familien mit wenig Geld?“

In Hamburg ist es soweit: Politische Sparentscheidungen werden auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen. Der theoretische Anspruch auf Inklusion und die bittere Realität klaffen dort selbst an Sonderschulen, die per definitionem Orte der Exklusion sind, weit auseinander. 

Reminder: Jedes Kind in Deutschland hat das Recht, eine Regelschule! zu besuchen.

Wenn am Ende Eltern schlicht kapitulieren müssen, weil das System die elementarsten Voraussetzungen für einen sicheren Schulbesuch verweigert, ist das kein bloßer Missstand mehr – es ist der Offenbarungseid einer Bildungspolitik, die Ungleichheit fördert, Familien im Stich lässt und den sozialen Zusammenhalt aufs Spiel setzt.

Das soziale Gefüge bröckelt leise, die sozialen Strukturen lösen sich auf. 

Traumhaft!

Breaking: Die Regierung in NRW hat nach der aktuellen Elternbefragung des Deutschen Instituts für Menschenrechte endlich verstanden, dass die hohen Anmeldezahlen an Förderschulen – anders als immer wieder behauptet – NICHT AUSDRUCK DES ELTERNWILLENS sind!

Mit großem Interesse hat die Regierung zur Kenntnis genommen, dass rund 81 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder mit Behinderungen die immer noch übliche GETRENNTE BESCHULUNG von Kindern mit Förderbedarf ABLEHNEN. Die Regierung hat eindrücklich verstanden, dass diese Eltern ihre Kinder nur deshalb notgedrungen an einer Förderschule anmelden, weil sie in NRW ausschließlich schlechte bis katastrophale Angebote für inklusive Beschulung vorfinden.

Folglich erklärt die Regierung in NRW sich ausdrücklich dazu bereit, künftig die ausgesprochen knappen Ressourcen ausschließlich dafür zu nutzen, die Bedingungen für inklusive Beschulung zu verbessern, anstatt GEGEN DEN ERKLÄRTEN WILLEN DER ELTERN weiteres Geld in den Ausbau von Förderschulen zu investieren.

Die Regierung hat ihre krasse Fehlinterpretation der Anmeldezahlen an Förderschulen eingeräumt und wird ab jetzt umdenken: Das Menschenrecht auf inklusive Beschulung in allen Kommunen in NRW wird endlich realisiert. 

Alles nur geträumt.

https://www.institut-fuer-menschenrechte.de/aktuelles/detail/mehrheit-der-eltern-in-nordrhein-westfalen-wuenscht-sich-inklusive-bildung

Drei Kinder in Rollstühlen sitzen im Vordergrund vor einer massiven, rot-weiß gestreiften Barriere und recken ihre Arme sehnsuchtsvoll der Welt hinter einer massiven Schranke entgegen. Sie sind durch die Schranke von einer bunten, lebendigen Welt getrennt, in der andere Kinder unbeschwert herumhüpfen, sich berühren und miteinander spielen. Während die Figuren im Hintergrund in der Nähe einer großen, strahlenden Sonne körperliche Verbindung und Freude erleben, verdeutlichen die hochgestreckten Arme der im Rollstuhl sitzenden Kinder eine schmerzliche Unerreichbarkeit dieser Freiheit.
Buntes, naiv gemaltes Aquarellgemälde

Flut

Der Totalschaden durch die Flut im Juli an der Paul-Klee-Förderschule in Leichlingen war drängendes Thema auf der heutigen Tagesordung im Schulausschuss des LVR.

Der LVR steht mit damit vor großen Herausforderungen – und es ergeben sich bedeutende Handlungsoptionen und Erfordernisse! Wird der LVR die Gelegenheit nutzen, um endlich die inklusive Entwicklung im Gebiet voranzubringen?

Wir sind gespannt! Nach der heutigen knappen Diskussion bin ich skeptisch. Für mich sieht es nicht danach aus, als ob die Verwaltung auch nur ansatzweise bereit ist, darüber nachzudenken, sich jetzt die Mühe zu machen, die Schülerinnen mit Förderbedarf in Regelschulen zu inkludieren.

Selbst bei dieser unerwarteten Gelegenheit beruft man sich erneut auf das Märchen vom „Elternwahlrecht“, das de facto kein Wahlrecht ist: https://inkluenzerin.com/2020/12/04/das-maerchen-vom-elternwahlrecht/

Die Heuchelei beim diesem Märchen: Es wird verschleiert, dass der nötige Systemwechsel hin zur Inklusion ein nicht verwirklichtes Menschenrecht ist – und dass die Verantwortung für die Durchsetzung dieses Rechts nur von Politikern und Bildungsbehörden übernommen werden kann. Und NICHT von den Eltern.

Eltern werden sich nämlich immer weiter notgedrungen für eine der von unserer konservativen Regierung lobenswert ausgestatteten Förderschulen entscheiden müssen, solange es kein gut funktionierendes inklusives Angebot an Regenschulen gibt. Wie sich das anfühlt, weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Mit Freiheit hat das nichts zu tun. 

Dennoch bekräftigten sowohl die Verwaltung des LVR als auch die CDU, dass den Eltern der in Leichlingen beschulten Kinder das Schulwahlrecht zustehe und sie sich für diese Schulform „entschieden“ hätten, so dass sie jetzt nicht dazu „genötigt“ werden könnten, ihre Kinder auf eine andere Schule zu geben.

Jürgen Dusel (CDU) sagte den wunderbaren Satz: „Wer Inklusion will, sucht Wege –  wer sie nicht will, sucht Begründun­gen“. Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. 

Das Märchen vom Elternwahlrecht

Was ich hier zu sagen habe, werden viele nicht gerne hören. Es ist ein  Gemeinplatz: „Inklusion ist ja gut und schön – aber die Wahlfreiheit für Eltern muss erhalten bleiben!“ Wer würde hier widersprechen? Der Satz schreit geradezu nach Zustimmung. Und führt doch gefährlich in die Irre.

Zunächst einmal ist festzuhalten: Aus der UN-Behindertenrechtskonvention lässt sich kein Elternwahlrecht ableiten. Das Märchen vom Elternwahlrecht weiterlesen

Es geht darum, das Leben auf die Kette zu kriegen

„Als meine Schulklasse aufgelöst wurde und die Schüler einfach in Regelschulen gesteckt wurden, war das regelrecht ein Vergehen an den Schülern!“ Die Sprachnachricht der Sonderpädagogin Monika Tielmann wurde zum Anlass für ein intensives Gespräch.

Es geht darum, das Leben auf die Kette zu kriegen weiterlesen