Kontrovers – und zuversichtlich!

Ein kleiner Meilenstein liegt seit gestern hinter uns: Gemeinsam mit der Kreistagspolitikerin Gudrun Baer (CDU), zwei Mitgliedern des Elternbeirates und zwei Vertretern des LVR (nicht im Bild) besichtigten wir gestern die WfbM der Reha-Betriebe Erftland in Bergheim. 

Nachdem der Betrieb jahrelang jede Zusammenarbeit sowohl mit Politik als auch den Elternvertretern abgelehnt hatte, wollen wir jetzt einen Neuanfang wagen: Die Geschäftsführung, erweitert um zwei qualifizierte und gesprächsbereite Damen, lässt uns beide hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. 

Besonders heftig wurde in dem sehr konstruktiven Gespräch mein Blogbeitrag kritisiert, in dem ich ein Gespräch mit einem Elternvertreter wortgetreu wiedergebe: vieles habe sich damals ganz anders verhalten! Nun ja. Besonders interessant war der Standpunkt des LVR: In den Medien werde immer nur negativ berichtet. Nochmal: Nun ja. 

Der Gegenwind hat ordentlich gepustet, doch was soll ich sagen? 

In meinem allerersten Blogpost hatte ich gelobt: „Ich meine es ernst. Ich werde nicht mit Zurückhaltung denken, sprechen oder schreiben. Ich werde dazu beitragen, dass Menschen, die ausgegrenzt werden – und besonders Menschen mit Behinderung – sichtbarer werden“. Das setzt voraus, niemals Augen und Ohren zu verschließen.

Unser gemeinsames Fazit ist ein erfreuliches: Uns allen ist es gelungen, ein sehr schwieriges Gespräch sachlich und klärend zu führen. Es geht uns hier ausschließlich um Wohl und Glück der Beschäftigten. Wir freuen uns über den gelungen Neuanfang und bleiben kritisch.

Flut

Der Totalschaden durch die Flut im Juli an der Paul-Klee-Förderschule in Leichlingen war drängendes Thema auf der heutigen Tagesordung im Schulausschuss des LVR.

Der LVR steht mit damit vor großen Herausforderungen – und es ergeben sich bedeutende Handlungsoptionen und Erfordernisse! Wird der LVR die Gelegenheit nutzen, um endlich die inklusive Entwicklung im Gebiet voranzubringen?

Wir sind gespannt! Nach der heutigen knappen Diskussion bin ich skeptisch. Für mich sieht es nicht danach aus, als ob die Verwaltung auch nur ansatzweise bereit ist, darüber nachzudenken, sich jetzt die Mühe zu machen, die Schülerinnen mit Förderbedarf in Regelschulen zu inkludieren.

Selbst bei dieser unerwarteten Gelegenheit beruft man sich erneut auf das Märchen vom „Elternwahlrecht“, das de facto kein Wahlrecht ist: https://inkluenzerin.com/2020/12/04/das-maerchen-vom-elternwahlrecht/

Die Heuchelei beim diesem Märchen: Es wird verschleiert, dass der nötige Systemwechsel hin zur Inklusion ein nicht verwirklichtes Menschenrecht ist – und dass die Verantwortung für die Durchsetzung dieses Rechts nur von Politikern und Bildungsbehörden übernommen werden kann. Und NICHT von den Eltern.

Eltern werden sich nämlich immer weiter notgedrungen für eine der von unserer konservativen Regierung lobenswert ausgestatteten Förderschulen entscheiden müssen, solange es kein gut funktionierendes inklusives Angebot an Regenschulen gibt. Wie sich das anfühlt, weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Mit Freiheit hat das nichts zu tun. 

Dennoch bekräftigten sowohl die Verwaltung des LVR als auch die CDU, dass den Eltern der in Leichlingen beschulten Kinder das Schulwahlrecht zustehe und sie sich für diese Schulform „entschieden“ hätten, so dass sie jetzt nicht dazu „genötigt“ werden könnten, ihre Kinder auf eine andere Schule zu geben.

Jürgen Dusel (CDU) sagte den wunderbaren Satz: „Wer Inklusion will, sucht Wege –  wer sie nicht will, sucht Begründun­gen“. Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. 

Tödliche Gleichgültigkeit

Menschen mit Behinderung sind – wen wundert’s? – wenn es um die Klimakatastrophe geht wieder einmal nicht Teil der Diskussion. In aller Deutlichkeit: 15% der Weltbevölkerung sind aufgrund ihrer Beeinträchtigung ausgesprochen verletzlich – und ihre besondere Gefährdung ist so gut wie nicht erforscht. In den Sachstands – und Sonderberichten des Weltklimarats (IPCC) werden sie kaum erwähnt. 

Diese Benachteiligung in Wissenschaft und Forschung ist längst eine historische Konstante. Nun hat die Gleichgültigkeit entsetztliche Folgen. 

Gut erforscht immerhin wurden die Folgen des Hurrikans Katharina im Jahr 2005. Die Bilanz für Menschen mit Behinderung damals war verheerend:

Barrierefreie Warnsysteme fehlten weitgehend, so dass viele Betroffene gar nicht informiert wurden. Selbst bei der Evakuierung und Unterbringung war Barrierefreiheit oft Fehlanzeige. Es gab keine behindertengerechten Toiletten, Betten fehlten sowieso. 

Zudem fand die Katastrophe lange kein Ende für die behinderten Menschen, so sie denn überlebt hatten. Beim Zugang zu Essen und Wasser wurde an behinderte Menschen nicht gedacht, bei der notdürftigen gesundheitlichen Versorgung ebenso wenig. 

Schockierend auch, dass im Falle zerstörter Dokumente viele Menschen später keine Assistenz mehr erhielten, Kindern und Auszubildenden sogar der Zugang zum Nachteilsausgleich verwehrt wurde. 

Wenn wir im Alltag schon keine Inklusion hinkriegen – wie schlimm wird es dann erst, wenn die Erde sich weiter erwärmt? 

Bitte weitersagen:

Der LVR fördert den Bau inklusiver Wohnprojekte!

Seit mehr als einem Jahr lebt mein Sohn in einer stationären Wohngruppe einer Einrichtung des LVR, in einem Sondersystem, einer liebevollen, aber doch geschlossenen Welt, abgeschottet vom Leben der Anderen, der Mehrheitsgesellschaft. In diesem Haus arbeiten und wohnen ganz überwiegend wunderbare Menschen und meinem Sohn geht es dort sehr gut. Ich muss mit dem Widerspruch leben, dass wir Nutznießer dieser exklusiven Struktur sind und dennoch diese Sondersysteme, die immer auch Abhängigkeitssysteme sind, für einen großen Fehler halten. 

Auf dem Bild macht er sich gerade auf den Weg nach Hause. Der Abendhimmel spiegelt perfekt meine widerstreitenden Gefühle: Dankbarkeit dafür, dass wir uns nach 23 Jahren voneinander lösen können, dass er umgeben ist von freundlichen und fürsorgenden Menschen – und ich wieder mehr Freiheiten leben darf, Entlastung erfahre. Und Kummer. Über sein Leben in einer Umgebung, in der ihm Menschen ohne Behinderung derzeit in der Regel nur als Betreuer begegnen. Oder als Ärzte, Lehrer, Berater. 

Wir brauchen dringend mehr Wohnformen, bei denen Inklusion nicht nur draufsteht, sondern drinsteckt. 

Die Menschen dort waren in der Tat sich selbst überlassen

Die Werkstätten der Reha-Betriebe Erftland standen 2019 öffentlich in der Kritik: die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauchs und wegen Freiheitsberaubung. Wie denkt ein Vertreter der Angehörigen heute über die Situation der Beschäftigten in diesen Werkstätten? Mein Gespräch mit Ralf  Schnackerz, dessen Bruder 2019 in einer der Werkstätten beschäftigt war:

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Vom Ende des Gemeinwohls

So ziemlich alle wollen aufsteigen und die, die oben sind, wollen da bleiben. Der Begriff Inklusion taucht in diesem Buch nirgends auf – aber der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel hat mit dieser gut lesbaren Analyse unserer fragwürdigen meritokratischen Ethik, die uns letzlich in separate Parallelwelten ohne gemeinsame Diskursräme führt, ein ganz! starkes! Plädoyer für eine inklusive Gesellschaft geschrieben. Und eine wirklich überzeugende Erklärung für den Erfolg Trumps.

Silvester 20/21: All dressed up and nowhere to go. 🎉

Heute hier mein allerherzlichstes Dankeschön an Euch! Lasst uns 2021 nutzen und weiter für eine gerechtere, solidarische, inklusive Gesellschaft streiten.

Kommt alle gut rüber – wir sehen uns wieder im neuen Jahr. Bleibt gesund, passt gut auf Euch auf. Happy 2021!

Simone 🎆

Gastfreundschaft – 25 Jahre Wohngemeinschaft Naunynstraße

„Samstag morgen. Frühstück. Es ist nicht klar, wie viele mitessen. Es werden immer mehr. Eine Nachbarin, eine Frau aus der Psychiatrie, ein Geistlicher und Banker aus gutem, reichen Hause, ein Moslem, meine Tochter und ich, Christian, Franz und weitere. Das Gespräch geht um Banken und Macht, um Protest gegen Banken und wie es ist, diesen Protest als Mitglied des Managements der Bank zu erleben. Während des Gesprächs wird dem Geistlichen klar, dass die Nachbarin zum bewaffneten Widerstand gehörte, lange Zeit im Gefängnis saß. Und er sagt: „Mein Vater stand auf der Liste der Leute, die ermordet werden sollten. Die Angst um ihn hat lange unser Leben bestimmt.“ — Und beide Seiten versuchen ein Gespräch, auch wenn Worte manchmal fehlen. Beide Seiten achten einander; es ist ein sehr sehr schwieriges Gespräch, aber es ist eins. Und sie vereinbaren weitere Treffen. Sie merken, dass sie, wenn auch von völlig verschiedenen Seiten kommend, auf der gleichen Suche sind. Das ist für mich das eigentliche an Eurer Gemeinschaft: Dass Menschen, auch ich, sich verändern, wenn sie bei Euch sind. (Michael Herwartz, Erftstadt-Köttingen, 29. Februar 2004)

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Das Märchen vom Elternwahlrecht

Was ich hier zu sagen habe, werden viele nicht gerne hören. Es ist ein  Gemeinplatz: „Inklusion ist ja gut und schön – aber die Wahlfreiheit für Eltern muss erhalten bleiben!“ Wer würde hier widersprechen? Der Satz schreit geradezu nach Zustimmung. Und führt doch gefährlich in die Irre.

Zunächst einmal ist festzuhalten: Aus der UN-Behindertenrechtskonvention lässt sich kein Elternwahlrecht ableiten. Das Märchen vom Elternwahlrecht weiterlesen

Wer gegen die AFD kämpft, muss den Islamismus genauso bekämpfen!

Ahmet Özdemir hatte als Kind „alles, was eine Karriere im deutschen Schulsystem erschwert: Türkische Eltern, die kein Deutsch sprachen, vier große Geschwister auf der Hauptschule – und dunkle Haare und Augen.“* Heute ist er Dozent an zwei Fachhochschulen und Autor: Mit seinen beiden Kinderbüchern zum Thema Inklusion wurde er deutschlandweit bekannt. Wir sprechen über seine Bücher, Inklusion und über den gefährlichen Einfluss Recep Tayyip Erdogans in Deutschland.

Du umschreibst dein Leben mit den Worten „irritiert statt integriert“, so heißt auch dein erstes, autobiographisches Buch. Wo liegt das Problem?

Ahmet: Meine Eltern leben seit 50 Jahren hier. Ich selber bin in Deutschland geboren, hier aufgewachsen, habe hier Abitur gemacht und studiert. Wenn man mich fragt: „Was bist Du, Türke oder Deutscher?“, dann möchte ich antworten: „Deutscher!“ Aber ich werde so nicht wahrgenommen. Weder in der Schule noch an den Wer gegen die AFD kämpft, muss den Islamismus genauso bekämpfen! weiterlesen