Wer gegen die AFD kämpft, muss den Islamismus genauso bekämpfen!

Ahmet Özdemir hatte als Kind „alles, was eine Karriere im deutschen Schulsystem erschwert: Türkische Eltern, die kein Deutsch sprachen, vier große Geschwister auf der Hauptschule – und dunkle Haare und Augen.“* Heute ist er Dozent an zwei Fachhochschulen und Autor: Mit seinen beiden Kinderbüchern zum Thema Inklusion wurde er deutschlandweit bekannt. Wir sprechen über seine Bücher, Inklusion und über den gefährlichen Einfluss Recep Tayyip Erdogans in Deutschland.

Du umschreibst dein Leben mit den Worten „irritiert statt integriert“, so heißt auch dein erstes, autobiographisches Buch. Wo liegt das Problem?

Ahmet: Meine Eltern leben seit 50 Jahren hier. Ich selber bin in Deutschland geboren, hier aufgewachsen, habe hier Abitur gemacht und studiert. Wenn man mich fragt: „Was bist Du, Türke oder Deutscher?“, dann möchte ich antworten: „Deutscher!“ Aber ich werde so nicht wahrgenommen. Weder in der Schule noch an den Universitäten, die ich als Student, Dozent und Lehrbeauftragter kenne. Viele sagen: „Ihr müsst euch mal integrieren!“ So einfach ist das aber nicht. Ich strenge mich an und werde trotzdem nicht immer als der angenommen, der ich bin.

Wie wirst du wahrgenommen, was hast du erlebt? 

Ahmet Özdemir als Kind (links) mit seinem Zwillingsbruder

Ahmet: Eingeschult worden bin ich 1982. Wir – die Kinder der Gastarbeiter – waren die, die nicht gerne zu Geburtstagen eingeladen wurden. In der Schule hat ein Lehrer wörtlich zu uns gesagt: „Geht dahin, wo ihr hergekommen seid.“ Diesen Satz höre ich auch heute noch!

Irgendwann reicht es!

Und heute?

Als ich Marketingmanager bei einer Bank in Bonn war, sagte mein Chef bei einer Feier am Buffet zu mir: „Das war ja mal wieder klar, dass der kleine anatolische Türke hier seinen Teller vollmacht.“ Er sprach dabei so, dass alle Anwesenden es hören konnten. Jahrelang habe ich bei dieser Bank als Marketingmanager gearbeitet. Von Kollegen wurde ich als „Quotentürke“ bezeichnet. Wenn ich mich gegen Anfeindungen wehrte, hörte ich, das sei alles nur Spaß. Ich antwortete: „Damit macht man keine Späße, das geht nicht! Jetzt ist mal Schluss, irgendwann reicht es!“

Was mir an deinen Büchern gefällt ist, dass die kleinen Helden von sich aus die Initiative ergreifen, um ein harmonisches Miteinander herzustellen. Sie erleben Verletzungen, Diskriminierung und Streit – und dann tritt ein Kind auf den Plan, das den Mut hat, sich einzumischen und Haltung anzunehmen. Hast du solche tollen Kinder persönlich erlebt? 

Ahmet: In der Grundschule gab es immer zwei, drei Kinder, die geschlichtet haben, wenn es Streitigkeiten gab. Diese Kinder haben sehr viel Empathie gezeigt. Das hat mich geprägt, das waren genau die Schlüsselmomente, auf die ich heute zugreifen kann, um meine Geschichten zu schreiben. 

Du gibst heute mit deinen Kinderbüchern das weiter, was dich selber damals stark gemacht hat. Die russische Dichterin Marina Zwetajewa sagte den wunderbaren Satz: „Man soll nur die Bücher schreiben, die man vermisst.“ Vielleicht hast du genau das gemacht. 

Ahmet (überlegt): Ja. Denn erlebt habe ich die Geschichten im Grunde selber. Und seit 50 Jahren hat sich nicht viel bewegt in Deutschland. 

Ich zeige den Kindern Wege auf, wie sie anders und besser miteinander umgehen können. Und ich spreche mit den Eltern! Mein Wunsch ist es, den Kindern die Wichtigkeit von Respekt, Toleranz, Wertschätzung und Freundschaft näher zu bringen, ein Wir-Gefühl zu erzeugen, das alle mit einschließt. Wir können uns alle so annehmen, wie wir sind. Ob grün, blau, ohne Beine, mit Armen – einfach annehmen!

Wir haben heute Probleme, die meiner Beobachtung nach in zwei Richtungen gehen. Muslime, auch dunkelhäutige Menschen allgemein, werden immer noch diskriminiert. Gleichzeitig wächst die begründete Angst vor Islamisten.

Viele Muslime geben ihre radikale Grundhaltung nicht preis

Ahmet: Drumherum reden hilft nicht: Es gibt Türken, die sich nicht integrieren wollen! Sie haben Probleme damit, die Reglen hier anzunehmen, sich über unsere gesellschaftlichen Strukturen überhaupt zu informieren und sie zu respektieren.

Viel türkische Muslime, die in Deutschland leben, geben ihre radikale Grundhaltung nicht preis. Sie sagen: „Unsere Türen stehen für alle offen“. Das klingt dann tolerant. Aber wer sitzt denn oben und diktiert alles? Ich wünschte mir, dass sie wirklich offen und tolerant wären! Doch so lange es Erdogan gibt, so lange wird er auch seine Inhalte weitergeben an fast alle muslimischen Einrichtungen, die es hier gibt. Keiner soll sagen, diese Einrichtungen in Deutschland erkennen die Religionsfreiheit an!

Ich habe in der Schule gelernt, dass der Koran ein Buch ist, vergleichbar mit der Bibel, und dass die heiligen Bücher aller Religionen gleichermaßen Respekt verdienen. Nach zahlreichen von Muslimen verübten Terroranschlägen halten viele Menschen den Islam für eine Religion der Gewalt, Muslime werden schnell als gewaltbereite Islamisten eingestuft. Ich glaube aber, dass auch sehr viele tolerante Muslime in Moscheen gehen!

Ein Kopftuch hat in der Schule nichts zu suchen

Ahmet: Ich selber bin Alevit. Ich habe sehr viele sunnitischen Freunde, aber einige von ihnen unterstützen Erdogan. Wir streiten uns permanent über dieses Thema! Ich habe deren Familien kennengelernt: Einige Frauen sind voll verschleiert. In den Moscheen, aus denen der Muezzin ertönt, kannst du davon ausgehen, Simone, dass viele der Gemeindemitglieder hinter Erdogan stehen. Sieh mal, sogar in der Schule tragen muslimische Mädchen Kopftücher! Warum werden in Schulen überhaupt Kopftücher getragen? Das ist nichts anderes als Sexismus für mich! Ein Kopftuch hat nichts in der Schule zu suchen. Lehrerinnen und Schülerinnen sollten kein Kopftuch tragen und Rechtsanwältinnen erst recht nicht! Es tut mir weh, wenn ich so etwas sehe.

Was das Kopftuch angeht, bin ich geprägt von Alice Schwarzer. Ich habe als junge Frau im Studium jahrelang die EMMA gelesen und dort stand sinngemäß der Satz: ‚Solange irgendwo auf der Welt eine Frau gesteinigt wird, weil sie kein Kopftuch trägt, ist das Kopftuch ein politisches Symbol‘. Einer Muslimin, die Kopftuch trägt, begegne ich seitdem nicht mehr ohne Beklommenheit.

Ahmet: Das Kopftuch ist ein politisches Symbol. Außerdem ist es eine Herabwürdigung der Person, die es trägt. Und die Trägerin sagt damit: „Du darfst mich nicht mit den Augen eines Mannes ansehen, denn ich trage ein Kopftuch“. Oft sind die Frauen dabei schön geschminkt, aber das Kopftuch tragen sie! Das ist total paradox und ich halte nichts davon.

Ich habe gelesen, dass ein Rektor, der von Erdogan ernannt wurde, eine Enzyklopädie herausbrachte, in der dieser Satz steht:

„Wer Demokratie fordert, ist ein Kafir (Ungläubiger). Wenn er sich davon nicht abwendet, sollte er getötet werden.“

Nach der Enthauptung von Samuel Paty fürchten auch deutsche Lehrer um ihr Leben. 

Ahmet: Das ist so ein riesiges Problem! Dazu muss man wissen: Viele Moscheen in Deutschland stehen unter dem Diyanet. Die Inhalte, die dort weitergegeben werden, kommen also geradewegs von Erdogan! Man distanziert sich hier öffentlich immer von den Attentaten, aber was von oben diktiert wird, das ist etwas ganz anderes. Erdogan gibt die Gebetsinhalte weiter an das Diyanet und dieses wiederum leitet sie weiter an die DITIB. Viele Menschen werden so durch Erdogan geimpft und instrumentalisiert.

Kinder gehen auch in diese Moscheen!

Ahmet: Für viele Eltern ist die Moschee ein Pflichtprogramm.

Die Kirchen unterstützen keine Nazis, aber die meisten Moscheen schon!

Wenn Kinder in Moscheen gehen und dort unter Erdogans Einfluss geraten, dann fehlt diesen Eltern die Weitsicht. Besonders diese Kinder möchte ich abholen.

Du hast erzählt, dass immer mal wieder türkische Kinder nach deinen Lesungen in den KITAs Einspruch erheben, wenn du eine Flasche Wein oder Sekt geschenkt bekommst. Dass kleine Jungen aufzeigen und fragen: „Bist du Muslim? Super, dann können wir ja zusammenhalten!“

Ahmet: Oh ja, besonders diesen Satz habe ich so viele Male gehört! Und ich denke dann: ‚Ist es wirklich das, worauf du jetzt abzielst? Das wir beide uns gegen die deutschen Kinder verbünden? Ist es das, was deine Eltern dir beigebracht haben?‘ Warum können diese Eltern ihren Kindern nicht mitgeben, dass wir hier alle zusammengehören?!  Woher hat das Kind das denn, dass alle Muslime zusammenhalten sollen? Von seinen Eltern, aus den Moscheen und den Einrichtungen, in die es geht! Meine Lese-Erfahrungen haben gezeigt: Das sind tolle Kinder! Die brauchen aber Eltern, die sie informieren, die sie abholen, die sie nicht in Gotteshäuser schicken, damit sie dort von strengen Muslimen zu Erdogan-Anhängern erzogen werden!

Hier im Rhein-Erft-Kreis stellte die Kerpener SPD einen Antrag zur Genehmigung des Muezzins. Weil in Deutschland christliche Kirchenglocken läuten, so die Argumentation, solle auch der Muezzin erklingen dürfen. Der Antrag wurde abgelehnt. Geht es hier nicht um ein Grundrecht, nämlich um Religionsfreiheit?

Das ist falsch! Wenn man so einen Antrag unterstützt, dann ist das falsche Toleranz. Es sind Erdogan-Anhänger, die das fordern! In Deutschland bestehen diese Leute darauf, genau die Freiheiten und Grundrechte auszuleben, deren Verbote sie in der Türkei wiederum voll und ganz unterstützen. Welche Grundrechte gibt es denn in der Türkei? Dort wird die Meinungsfreiheit gestrichen, Minderheiten dürfen ihre Religion nicht ausüben, Aleviten wie ich werden stigmatisiert – aber hier in Deutschland fordern sie Toleranz und reden von Diskriminierung, wenn der Muezzin-Ruf nicht stattfinden darf. Das hat mit Integration gar nichts mehr zu tun.

Nicht alle Parteien in Deutschland teilen deine Ansichten. Die SPD…

Ich finde es wirklich erbärmlich, wenn man sagt:  „Die Kirchenglocken läuten ja auch.“ Die Kirchen unterstützen keine Nazis! Aber die meisten Moscheen schon. Manche Parteien analysieren und verstehen das nicht und nehmen eine viel zu tolerante Haltung ein. Ich finde es erschreckend, wenn die Politik Organisationen unterstützt, die unsere Freiheit genauso wenig respektieren wie die AFD oder andere rechtsextreme Parteien in Deutschland. Wenn man gegen die AFD kämpft – und das tun ja viele Parteien hier, sogar alle! – dann muss man genauso gegen die Radikalisierung in den Moscheen kämpfen.

Also gehen nun deiner Ansicht nach auch tolerante Muslime in Moscheen? Oder eher nicht?

Ich spreche hier nicht von allen Muslimen, die Moscheen besuchen. Es gibt immer überall in allen Religion solche und solche Menschen. Aber es bleibt eine gefährliche Tatsache: Wer sitzt da oben und diktiert die Inhalte? Erdogan! Zu viele Menschen auch in Deutschland lassen sich von ihm instrumentalisieren.

Lieber Ahmet, ich danke dir für das Gespräch!

* https://www.google.de/amp/s/www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/integration-warum-schueler-tuerkischer-herkunft-schlecht-abschneiden-a-1152964-amp.html

 

3 Gedanken zu „Wer gegen die AFD kämpft, muss den Islamismus genauso bekämpfen!“

    1. „Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.“ Hannah Arendt

      Danke für Ihre Zeilen. Herzliche Grüße zurück,
      Simone Spicale

      Gefällt 1 Person

      1. Guten Abend Frau Spicale.

        Vielen Dank für Ihre Antwort.

        Das alleinige Böse, ganz und gar, bis an die Grenze gehend, (und darüber hinaus) hat so denke ich, in uns die gleichen Wurzeln wie das Gute selbst.

        Das Unbewusste, das keine Normen an sich kennt lässt beides zu.

        Wir stehen im Alltäglichen zwischen böse und gut.

        Wir müßen uns und wenn wir Glück haben, vor jedem Tun, bewusst für dies, oder jenes, wenn möglich für das Bessere entscheiden.

        Herzliche Grüße
        Hans Gamma

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