Später habe ich verstanden, dass ich Gott beherbergt habe

Zuerst konnte ich es kaum glauben: Familie Herwartz, selbst schon zu sechst, nahm vor Jahren eine Frau samt ihrer vier Kinder aus Bosnien bei sich zu Hause auf. Michael Herwartz, von Beruf Bewährungshelfer und damals Hausmann, berichtet mir von einem einzigartigen Jahr voller Überraschungen, Tragik und einer unvergleichlichen Lebendigkeit. Michael erzählt:

Der bosnische Bürgerkrieg war eine humanitäre Katastrophe, schwer auszuhalten. In gewisser Weise vergleichbar mit Moria: Menschliches Leid, von dem wir immer wieder grauenvolle Bilder in den Nachrichten sahen. In Bonn suchte damals eine Friedenskooperative nach Leuten, die bereit waren Flüchtlinge einzuladen und bei sich aufzunehmen.

Meine Frau und ich haben überlegt: Ja, eine Person könnten wir beherbergen. Wir kontaktierten die Initiative und bald kam ein Anruf aus Bonn: Sie hätten da eine Frau mit vier Kindern. Da wir auch eine Familie mit vier Kindern seien, sollten wir diese Familie aufnehmen!

Unsere Jüngste ging damals gerade in den Kindergarten, die Älteste war im vierten Schuljahr. Zum ersten Mal haben wir eine richtige Familienkonferenz abgehalten und allen Kindern erklärt, dass da eine Mutter mit vier Kindern ist, die nicht weiß wohin. Und dass wir diese Familie aufnehmen könnten. Dass wir die Sprache der Familie nicht sprechen. Dass die Kinder dann einen Teil ihrer Zimmer räumen müssten. Dass wir das Haus irgendwie anders aufteilen müssten. Die Jüngste hat gefragt: „Wir verstehen die Sprache gar nicht? Nicht einmal der Papa?“ Und dann hat sie geweint. Dann hörte sie wieder auf und sagte: „Ja. Das machen wir.“

Michael lacht. Ich bin heute noch stolz auf meine Tochter, dass sie das so gemacht hat. Die anderen ja auch! Die haben nicht gefragt: „Wie? Ich soll mein Zimmer aufgeben?“ Oder: „ Ich soll meine Sachen teilen?“ Oder „Wir werden dann weniger Geld zur Verfügung haben!“ Das hat alles gar keine Rolle gespielt. Die haben es einfach gemacht. Eine Woche später war die Familie da.

Es war ein Abenteuer

Warum wir das uns und unseren Kindern antun, wurden wir gefragt. Ob unsere Kinder das alles verarbeiten könnten, die Konfrontation mit dem Krieg. Gerade unsere Kinder müssten wir doch fernhalten von diesem Elend. Viele kritische Fragen wurden uns damals gestellt!

Ja. Man kann Kinder nicht vor den Schrecken der Welt bewahren. Die Schrecken sind da. Unsere Kinder haben doch mit uns Nachrichten geguckt. Sie sahen die Bilder aus Bosnien: Brennende Häuser, Leichen, verletzte Kinder. Und auch heute ist es so: Wenn ein Flüchtlingslager brennt oder wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken oder gerade eben gerettet werden und dann aber in irgendeinem Lager leben und nicht wissen, wie sie vor und zurückkommen sollen, weil kein anderes Land sie aufnimmt: Das verstehen Kinder genau, davor kann man sie nicht beschützen.

Sollten wir unseren Kindern sagen: Egal, ob diese Menschen sterben – wir nehmen niemanden auf? Damit lehren wir unsere Kinder, dass man sich zurücklehnen kann und Elend akzeptieren muss. Was täten wir unseren Kindern damit an?

Die Menschen, die diese Fragen stellten, meinten, dass wir nun zu elft unter ganz schrecklichen Verhältnissen leben müssten. Aber dem war nicht so.

Vieles war schwierig und es gab erstaunliche Situationen! Bei einem der ersten Mittagessen wollte der Emin – alle neuen Mitbewohner waren muslimischen Glaubens – wissen, ob er Schweinefleisch auf seinem Teller habe. Und so grunzte er. Wir verneinten. Er aß und ich habe im Scherz gesagt: „Wau, wau“. Er hat sich furchtbar erschrocken! Namka, seine Mutter, hat ihn ausgelacht.

Später war ein Dolmetscher bei uns und Namka konnte mit seiner Hilfe erzählen, dass auch ihr Hund in Bosnien erschossen wurde. Emin hatte ihn so sehr gemocht. Die Vorstellung Hundefleisch gegessen zu haben, war gruselig für ihn. Aber alles in allem hat er es dennoch gut verkraftet, dass ich ihn veräppelt habe. 

Es gab etwas schwierige Verhaltensweisen manchmal. Ernest, der Zweitjüngste, war sechs und er wollte kein Deutsch lernen. Er sprach nicht mit uns. Sobald er ein Flugzeug hörte, saß er unter dem Tisch. Offensichtlich hatte er Angst.

Alle anderen begannen sofort, Deutsch zu lernen. Mit einem Wörterbuch, sehr angestrengt, sehr schnell und ungeheuer intensiv haben sie mit aller Gewalt gelernt. Und es auch geschafft.

Emin, der Älteste, sagte zu uns, er möchte gern möglichst schnell wieder zurück. Mit 15 dürfe er eine Waffe tragen. Er wolle dann die Mörder seines Vaters umbringen. Das ist in einem pazifistischen Haushalt nicht unbedingt die Aussage, die man gerne hört. Aber wir konnten das nicht mit ihm diskutieren, die stand einfach da, diese Aussage.

Der Krieg rückte ganz nah

Die fünfjährige Enita beschwerte sich bei ihrer Mutter Namka darüber, dass der Papa nie anrief. Sie wußte, dass er seit einem halben Jahr tot war. Verstanden hatte sie es noch nicht.

Ohne große Gegenwehr war der Ort, in dem die Familie gewohnt hatte, erobert worden. Alle Männer des Dorfes wurden erschossen, auch einige Frauen und Kinder. Die Überlebenden wurden ausgeraubt, gedemütigt und gequält. Später wurden sie auf Lastwagen geladen und einige hundert Kilometer weiter abgeladen. Danach überlebten sie im Flüchtlingslager, fünf Monate bei ungekochtem, nur gequollenem Reis und trocken Brot. Nachts Tiefflieger, Bomben, Angst.

Menschen, die so etwas überlebt haben, müsste das doch anzusehen sein?! Nein. Es war manchmal schon beunruhigend, wie normal sie waren. Vieles war wohl verdrängt, aufgeschoben zur späteren Bearbeitung.

Und es gab Geschenke! Ernest sagte nach zwei Monaten urplötzlich einen vollständigen deutschen Satz. Michael macht hier eine besonders lange, gedankenverorene Pause. Das war so schön. Er hatte uns die ganze Zeit genau zugehört. Er brauchte diese Zeit um anzukommen und um zu wissen, dass er sicher ist. Er wollte nicht vorzeitig seine Zurückhaltung aufgeben. Ich glaube, er wollte sicher sein, dass wir ihn mögen. Und dann hat er uns beschenkt. Mit einem ganzen deutschen Satz. Ich weiß nicht mehr, was er gesagt hat, aber wir haben gemerkt: Es hatte die ganze Zeit in ihm rumort und jetzt war er soweit. Das war schon toll!

Der Umschwung

Wir hatten die Regeln gesetzt. Natürlich wollten sie dann auch irgendwie selber mitbestimmen. Was es zu essen gibt, das kann man regeln. Aber es gab andere Reibungsflächen. Und es wurden immer mehr. Nach fünf, sechs Monaten haben wir gemerkt, wie sehr wir alle aufpassen mussten, damit wir nicht in offenen Streit gerieten. Und wie sehr auch unsere Mitbewohner sich diesbezüglich anstrengen mussten. Wie sehr sie versuchten, den Ball flach zu halten.

Dann kamen zum Glück die Sommerferien! Wir haben Geld da gelassen und unsere Kinder eingepackt und sind sechs Wochen am Stück mit dem Wohnwagen in den Urlaub gefahren. Noch nie hatten wir so lange Urlaub gemacht! Auch das war für uns eine ganz neue Erfahrung. Und wir hatten keine Idee, wie es sein würde, wenn wir wieder nach Hause kommen.

Irgendwann war es dann soweit. Es sah alles noch genauso aus wie vorher. Und trotzdem war alles ganz anders.

Unsere Mitbewohner hatten sich nun sechs Wochen alleine durchgeschlagen. Sie waren – erwachsen ist das falsche Wort. Sie wussten jetzt, was geht. Und sie wussten, was nicht geht.  Sie hatten auf einmal soziale Kontakte, die unabhängig waren von unseren. Sie waren ganz selbstständig geworden.

Und nun passte alles viel besser als vorher! Sie waren keine Gäste mehr. Das ist wichtig. Wir waren dann auch keine Gastgeber mehr. Ab jetzt waren wir eine Wohngemeinschaft.

Man kann von Menschen nicht erwarten, dass sie Monate lang Gast sind. Das geht nicht. Irgendwann will ich eine Heimat haben, mitbestimmen, ernst genommen werden. Das war für uns alle ein Lernprozess. Wir haben viel gelernt.

Alle waren wir wieder fröhlicher! Und auf Augenhöhe. Viel später erzählte die Familie uns, dass sie, nachdem wir weggefahren waren, erst mal alle Tische beiseite geschoben und auf dem Boden gesessen haben. Auf Kissen und Polstern, so wie sie es zu Hause auch immer gemütlich gefunden hatten. Und wie gut es für sie alle gewesen sei, das mal wieder zu tun. 

Noch ein Geschenk

Eine vollkommen verrückte Situation erlebten wir, als die Familie, die ja nun gar nichts mehr besaß, uns plötzlich einen Hundertmarkschein gab. Was war das jetzt? Wir konnten damit gar nichts anfangen.

Sie wollten mit uns Bayram feiern. Ich hatte bis dahin immer gedacht: Zuckerfest, Fastenbrechen – da wird heftig gegessen! Aber das ist es nicht. Zu Beiram gehört, dass man Geld verschenkt: An alle möglichen Leute im Dorf. Unsere bosnischen Mitbewohner hatten hier nur uns. Diese 100 Mark hatten sie von einer Verwandten erhalten. Es war ihr Notpolster, mit dem sie im schlimmsten Fall hätten wieder zurückkehren können. Sie hatten ja überhaupt nicht gewusst, wo sie hinkommen würden! Dieses Notpolster brauchten sie jetzt nicht mehr.

Mit dem Geld kauft zu Bayram derjenige, der es erhält, Mehl und Öl und sowas alles, und das verschenkt er dann wiederum. Und wer es geschenkt bekommt, backt und kocht damit etwas und verschenkt es wieder. So hat am Ende im Dorf jeder etwas und kein Mensch weiß mehr, wem was gehört. Man besucht sich einfach gegenseitig, sitzt beisammen und isst gemeinsam. Wunderschön und total christlich! Eine tolle Interpretation von Christentum, wenn ich das mal von meiner Religion aus sehe. Eine tolle Interpretation von Menschlichkeit und von Miteinander. Himmel. Paradies. Sehr, sehr schön. Das habe ich gelernt, das hätte ich sonst nie erfahren. 

Liebe steckt an

Wir haben dann noch sechs Monate miteinander gelebt. Danach sind sie ausgezogen in eine eigene Wohnung.

Am Schluss gab es ein Riesengeschenk: Emin, der am Anfang gesagt hatte, er wolle wieder zurück, um die Mörder seines Vaters zu töten, hatte gerade seine Schule beendet. Er sagte: „Ich muss jetzt etwas Vernünftiges lernen, um mein Land wieder aufzubauen.“ Nichts mehr mit Rache. Wir hatten darüber nie gesprochen. Er hat in diesem Jahr erkannt, dass das der falsche Weg war. Ein unglaubliches Geschenk. Ich war platt. 

Ich: Das ist bewegend. Da sieht man, wie Liebe anstecken kann.

Er brauchte einfach nur Zeit.  

Ich: Er brauchte Zeit und die richtigen Menschen um sich. 

Diese Entscheidung, dass wir gesagt haben, ja das machen wir, die nehmen wir, das war eine große Entscheidung. Das war ein Abenteuer. Es hätte auch schief gehen können. Man weiß ja nicht, wer kommt. Als sie da waren, war es zwar manchmal anstrengend. Aber es war eben auch ein Dauergeschenk.

Die nächsten Sätze erzählt Michael mit großer Selbstverständlichkeit.

Ich war in der Kirche. Zur Messe gehört das Gebet von der Kommunion, das beginnt mit den Worten: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach.“ Dieser Satz hat mich plötzlich angefasst. Ich habe gemerkt, dass ich Gott zu Besuch hatte. Das ist jetzt schwer verständlich für jemanden, der nicht Christ ist. In der Bibel kommt immer wieder der Satz vor: „Was ihr an Bedürftigen getan habt, das habt ihr an mir getan.“ In dem Moment habe ich begriffen, dass das tatsächlich so ist! Und ich habe verstanden, dass ich Gott beherbergt habe. Und das war ein Gefühl von: Wie sehr ich beschenkt worden bin. Und dass die Attitüde: „Ich bin hier der Gastgeber und ihr seid die Gäste“ oder „Ich bin hier der Große und das sind die Hilfsempfänger“, „Ich bin der Tolle und das sind die Armen“ – dass das hinten und vorne nicht passt. Sondern ich bin beschenkt worden. Reich, sehr sehr reich.

Von all dem zehre ich noch heute. Und wenn ich meine Kinder frage, die inzwischen längst erwachsen sind und eigene Kinder haben – die sehen das genauso.

Jahre später erzählte mir Namka, dass es ihr ähnlich erging: Bei der Hadsch, das ist die islamische Pilgerfahrt nach Mekka, wurden die Pilger in Medina gefragt, wo in ihrem Leben sie das Wirken Gottes erfahren hätten. Sie antwortete: Als Christen mich mit meinen Kindern in ihr Haus aufgenommen haben.

Der Höhepunkt der Hadsch ist die Umrundung der Kaaba in Mekka. Jeder Pilger umrundet sieben Mal. Dann darf er noch sieben Mal gehen in Gedenken an einen anderen Menschen. Dies nennt man Jemanden um die Kaaba tragen. Namka hat ihren verstorbenen Mann auf diese Weise um die Kaaba getragen, ihre Eltern, ihre Kinder, meine Kinder, meine Frau und mich. Jeden einzelnen sieben Mal.

So waren wir, meine ganze Familie, als Christen in der Hadsch in Mekka – mit Namka!

2 Gedanken zu „Später habe ich verstanden, dass ich Gott beherbergt habe“

  1. Eine berührende Geschichte, die mich gerade gedanklich aus Allem rausholt. Mein größter Respekt und wie glücklich können wir uns schätzen, dass es solche Menschen noch gibt. Und damit meine ich beide Familien.Eine berührende Geschichte, die mich gerade gedanklich aus Allem rausholt. Meinen größten Respekt und wie glücklich können wir uns schätzen, dass es solche Menschen noch gibt. Und damit meine ich beide Familien.

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